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Wenn die Augen der Gefangenen leuchten

Klaus Dieter Jansen erklärt, was Sport mit JVA-Insassen macht – Brücke zwischen drinnen und draußen


Dieter Ohls, Uwe Reese und Uwe Seeler   Bildrechte: Jeversches Wochenblatt
Dieter Ohls, Uwe Reese und Uwe Seeler

Klaus Dieter Jansen erklärt, was Sport mit JVA-Insassen macht – Brücke zwischen drinnen und draußen

Von Kathrin Kraft (Jeversches Wochenblatt)

Sport ist wichtig für Körper und Seele. Bewegung stärkt das Herz, die Muskeln, das Immunsystem, sie baut Frust und Aggressionen ab, macht zufrieden und schüttet Glückshormone aus. Sport in der Gemeinschaft fördert den Zusammenhalt, zielt auf Fairness und fördert Toleranz. Klaus Dieter Jansen kennt all diese positiven Aspekte, er hat schon sein ganzes Leben lang mit Sport zu tun. Seine Schützlinge jedoch bringen besondere Voraussetzungen mit. Der 54-Jährige arbeitet in Wilhelmshaven im offenen Vollzug und treibt Sport mit Inhaftierten.

Herr Jansen, welche Bedeutung hat der Sport im Strafvollzug?

Klaus Dieter Jansen: Wir entlassen aus dem offenen Vollzug viele Gefangene zurück ins Leben, da ist der Sport ein ganz wichtiger Faktor in Bezug auf die Resozialisierung. Sport verbindet und integriert ganz unabhängig von Kultur oder Religion. Zudem baut er Aggressionen ab – ein ganz angenehmer Nebeneffekt. Sport ist also nicht nur Zeitvertreib, sondern ein Behandlungskonzept, wie es im Strafvollzug genannt wird.

Sie arbeiten schon seit 30 Jahren in der JVA, in der Zeit hat sich viel verändert – auch der Sport?

Jansen: Früher war der Sport ein Zeitvertreib, um vom tristen Vollzugsalltag abzulenken. Natürlich beschäftigt Sport die Gefangenen auch, aber mittlerweile ist die Resozialisierung ein großer Punkt. Fairness und Teamfähigkeit werden geschult, das sind Werte, die auch im sozialen Miteinander einen großen Teil einnehmen. Durch Sport erleben die Inhaftierten eine Rückkehr ins Leben. Das war ein schleichender Prozess über viele Jahre.

Welche Möglichkeiten zum Sporttreiben haben Ihre Inhaftierten in der JVA Wilhelmshaven?

Jansen: Wir sind leider nicht so komfortabel ausgestattet wie die Anstalt in Oldenburg mit einer eigenen Halle, aber Tischtennis, Kicker, Billard und Spinning können wir hier auch ausüben – wenn auch sehr beengt und eingeschränkt. Wir haben uns allerdings ein gutes Netzwerk und einen guten Ruf aufgebaut, die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und der Stadt klappt gut. Wir haben die Halle gegenüber und einige Möglichkeiten in der Nähe.

Die Gefangenen haben neben Fußball, Schwimmen und Laufen die Möglichkeit, eigenständig am Vereinssport in der Region teilzunehmen. Das setzt ein großes Vertrauen voraus, oder?

Jansen: Ja natürlich, das ist so. Aber wir sollen die Jungs auf ihre Entlassung vorbereiten und dazu gehört Vertrauen. Wichtig ist einfach die Kommunikation zwischen mir als Übungsleiter der JVA und den Trainern in den Vereinen. Wir sind auch immer mal selbst vor Ort, um uns ein Bild zu machen.

Es waren bereits namhafte Sportler wie Uwe Seeler, Ewald Lienen oder Schiedsrichter Peter Gagelmann in der JVA zu Gast. Was machen solche Aktionen mit den Gefangenen?

Jansen: In solchen Momenten fühlen sie sich nicht als Inhaftierte, sondern als wertgeschätzte Menschen. Man kennt das von sich selbst ja auch, ich kriege auch leuchtende Augen. Und die Gefangenen haben sonst nicht viel in der Haft. Ewald Lienen hat sich ganz viel Zeit genommen, da haben die Jungs hochgeguckt. Ich habe das Leuchten in ihren Augen noch lange danach vor mir gesehen. So etwas bewirkt in Sachen Resozialisierung auch ein großes Stück. Die Jungs haben sehr viel mitgenommen, das wird sich positiv auswirken.

Sie arbeiten im offenen Vollzug, die Inhaftierten gehen einer Arbeit nach, die mitunter Überstunden und Schichtdienste verlangt. Macht das das Sporttreiben schwierig?

Jansen: Ja, das macht es schwierig. Es ist aber auch verständlich: Einige arbeiten außerhalb bis hin nach Oldenburg, kommen spät zurück oder arbeiten körperlich hart und sind dann müde. Das macht die Sache nicht so ganz einfach. Aber ich versuche immer, Rücksicht zu nehmen auf Zeiten und verschiedene Leistungsstände.

Sind Sie denn so flexibel in Ihrer Arbeit?

Jansen: Ja, ich richte mich schon nach Ansprüchen und Bedürfnissen. Da werden auch schon mal Zeiten verlegt. Das ist in Sachen Fußball mit der Hallenzeit natürlich nicht so einfach, aber beim Laufen geht das ganz gut. Aber auch da muss man die körperlichen und auch psychischen Probleme im Blick behalten.

Was hat Corona mit der sportlichen Situation innerhalb der JVA gemacht?

Jansen: Uns trifft es da ganz hart, weil wir einfach so wenig eigene Möglichkeiten haben. Die Hallen sind geschlossen, Mannschaftssport geht nicht. Es hat sich reduziert auf Individualtraining am Spinningrad. Wir können ja mit der Laufgruppe auch nicht einfach durch die Stadt laufen. Zwar gilt wohl die Haftanstalt als ein Hausstand, so wurde mir gesagt, aber da möchte ich mich nicht drauf verlassen. Und wir wollen ja auch irgendwo ein Vorbild sein – da muss man das nicht machen.

Der Landessportbund und das Justizministerium haben in diesem Herbst eine vertiefende Kooperationsvereinbarung geschlossen. Die gezielte Ausbildung von Sportlehrern für den Vollzug soll in den Blick genommen werden. Ist das ein sinnvolles Vorhaben?

Jansen: Das ist sogar unbedingt notwendig. Das Klientel hat sich sehr stark verändert, es gibt viele psychische Auffälligkeiten. Da ist es wichtig, sich an diese Bedürfnisse anzupassen. Gesundheitssport und Suchtmittelabhängigkeit sind da Punkte, da muss man sich mit auskennen. Mit dieser Agenda wird eine große Programmvielfalt angeboten, da ist für jeden was dabei.

Inwieweit haben Ihre eigenen sportlichen Ausbildungen zur C-Lizenz Breitensport und B-Lizenz Prävention Sie auf den Sport mit Gefangenen vorbereitet?

Jansen: Das ging damals auch über den Landessportbund und das Justizministerium. Damals war das für mich noch möglich, heute ist das schwieriger, wenn man die Sportbetreuung nicht hauptamtlich macht. Aber ich habe den Sport aus einer ganz anderen Sicht kennengelernt, habe einen ganz anderen Einblick bekommen. Die Gruppe bestand beide Male aus Vollzugsbeamten aus ganz Niedersachsen, da war vor allem der Austausch sehr interessant und hilfreich.

Haben Sie hier in Wilhelmshaven jemanden, der Sie unterstützt?

Jansen: Eigentlich bin ich komplett alleinverantwortlich. Aber ich kann auf den Oldenburger Sportlehrer zurückgreifen und das mache ich auch, wenn es um so Sachen wie Trendsport geht. Leider bin ich selbst nicht sehr oft bei Workshops dabei, weil die eher den Hauptamtlichen vorbehalten sind – das finde ich etwas schade.

Wie sieht es denn überhaupt mit Sportlehrernachwuchs in der Justiz aus?

Jansen: Man muss einfach jemanden mitnehmen und begeistern, ihn immer wieder motivieren. Die Kollegen hier kommen aus den unterschiedlichsten Sparten. Und wenn ich selbst nicht so viel Ahnung habe von einer Sache, dann nehme ich den mal mit. Da legt uns hier keiner Steine in den Weg, das ist ganz schön. Und was ich so mitkriege durch diese neue Agenda, da wird ständig gearbeitet und verbessert. Das ist auch wichtig für die Zukunft.

Der Vorstandsvorsitzende des Landessportbundes, Reinhard Rawe, bezeichnet den Sport als eine „sehr oft tragfähige Brücke zwischen drinnen und draußen“. Was meint er damit?

Jansen: Das ist der schleichende Prozess, den wir hier erleben. Wir führen die Gefangenen an den Sport heran und begeistern sie dafür. Da ist es sehr wahrscheinlich, dass der Sport nach der Haft weitergeführt wird und das ist wieder ein guter Schritt in Sachen Resozialisierung.

Was wünschen Sie sich für den Sport im Vollzug?

Jansen: Es hat sich schon viel getan. Für mich hier in der kleinen Einrichtung würde ich mir ein bisschen mehr Förderung wünschen. Mehr Weiterbildungen und eine bessere Ausstattung innerhalb der JVA.



Klaus Dieter Jansen (JVA Oldenburg)   Bildrechte: Jeversches Wochenblatt
Klaus Dieter Jansen (JVA Oldenburg)
Klaus Dieter Jansen (JVA Oldenburg)   Bildrechte: Jeversches Wochenblatt
Klaus Dieter Jansen (JVA Oldenburg)

Artikel-Informationen

Ansprechpartner/in:
Herr Thomas Gerdes

Justizvollzugsanstalt Oldenburg
Cloppenburger Straße 400
26133 Oldenburg
Tel: +49 441 4859 130

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